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Alpinübung im Chemiepark
Die alpine Einsatzgruppe Traunstein führte Ende November 2007 eine nicht
ganz alltägliche Übung im Industriepark des Chemiewerkes in Gendorf bei
Burghausen durch. Aufhänger war ein erfolgreicher Einsatz bereits im
November 2006, bei dem Greenpeace-Aktivisten von einem Hochbehälter
heruntergeholt werden mussten. Dabei stellte sich heraus, dass auch
Industrieanlagen hoch sein können und einige Besonderheiten im Gegensatz zum
gewohnten alpinen Gelände aufweisen.
Unser Gastgeber, die Werksfeuerwehr, unterhält schon seit vielen Jahren eine
eigene Höhenrettungsgruppe, die sich in Ausrüstung und Techniken auf
Industrieanlagen spezialisiert hat. Sie sind daher in der Lage, bei
Unglücksfällen Personenrettungen sowohl aus schwindelerregenden Höhen als
auch aus tiefen Schächten zu bewältigen. Da rund um die Uhr ein Team der
Höhenretter im Dienst ist, können sie auch außerhalb des Werkes bei
derartigen Spezialaufgaben angefordert werden.
Diese Spezialisten stellten zunächst in einem anschaulichen Vortrag die
Eigenheiten von hohen Industriebauwerken, deren Besteigungs- und Sicherungsmöglichkeiten, sowie die Gefahrenquellen vor. Selbstverständlich gehört ein
umfangreiches Sortiment an Spezialausrüstung bei diesen Tätigkeiten zum
Handwerkszeug, die teilweise unserer Alpinausrüstung ähnlich und teilweise im
Alpinsektor unbekannt sind.
Im Zentrum unseres Interesses lag der 198m hohe Schornstein des
Werkskraftwerkes, der durchaus auch Objekt bei Echteinsätzen sein könnte.
Zum Einstieg bestiegen wir ganz einfach mal den Turm.
Bereits hier ist Spezialausrüstung von großem Vorteil. In die vorhandenen
Leiternsysteme sind Laufschienen integriert, in die eine spezielle Laufkatze eingehängt wird, mit der man am Gurt ständig gesichert ist. Ein insgesamt
sicheres System, wenn man nur eine einfache Besteigung der Anlage vorhat. Aus polizeilicher Sicht hat das Laufkatzensystem den Nachteil, dass man sie unterwegs nicht aushängen kann und auf das Leiternsystem fixiert ist. Wenn
Beweglichkeit notwendig ist, z.B. Aussteigen auf eine Plattform oder
Vorbeisteigen an einer anderen Person, ist dies mit dem Laufkatzensystem
problematisch bzw. unmöglich.
Aus alpiner Sicht sind 198 m nicht gerade aufregend, trotzdem waren auch wir
Hochalpinisten voll mit dem Leiternsteigen und dem Umgang mit der neuen
Technik beschäftigt.
Auch der Tiefblick von der Turmspitze stand einer
entsprechend hohen Felswand in nichts nach. Neu war auch, dass der Gipfel bei starkem Wind auch spürbar bis zu ca. 1 m hin- und herschwankt das ist
zwar normal und sicher, aber ein ungewohntes Gefühl.
Im zweiten Teil der Übung stellten uns die Männer der Höhenrettung auf die
Probe. Sie hängten sich in ca. 60 m Höhe in die Leitern und waren nicht mehr
bereit, herunterzukommen. Wir versuchten in kleinen Teams, die beiden Störer mit unserer Alpinausrüstung herunterzubekommen. Hier stellte sich
das Laufkatzensystem als echter Nachteil heraus, da man die Störer damit
nicht überklettern konnte, um sie von oben herunterzulassen. Auch unser
herkömmliches Klettersteigset erwies sich als ungeeignet, weil die normalen
Karabiner nicht über die dicken Leitersprossen passten. Die einzigen
zweckmäßigen Ausrüstungsteile in dieser Situation sind so genannte Industriekarabiner mit großem Öffnungswinkel, die auch über Leitersprossen
und sonstige Metallträger passen. Diese Karabiner kann man in unser alpines
Klettersteigset einhängen und ist somit auf nahezu jeder Industrieanlage
beweglich und trotzdem sicher unterwegs.
Die Übernahme der Störer mit unserer alpinen Kapermethode ist
grundsätzlich möglich, setzt aber entweder ein Bandmaterial als
Verbindungsstück zwischen Gurt und Laufkatze voraus, um mit unserer
Kaperschere den Störer von seinem Fixpunkt zu trennen oder die Möglichkeit,
dass nach Entlastung sein Karabiner geöffnet werden kann. Bei metallischer
Verbindung zum Fixpunkt wird nur noch ein Bolzenschneider oder eine
Metallsäge helfen.
Der zweite Störer erwies sich als widerspenstiger und behinderte durch
permanentes Festhalten an der Leiter den Ablaßvorgang. Hier half uns ein
Trick aus dem Fundus der Höhenretter: Mit einem so genannten Abspannseil kann man die Personen so weit von der Leiter wegziehen, dass sie sich dort nicht
mehr festhalten können und man ungestört ablassen kann.
Da wir ja alle zum ersten Mal an einem so hohen Bauwerk unterwegs waren und
die spezielle Technik nicht kannten, fand die gesamte Übung an der Innenwand
des Kraftwerksturmes statt. Dort sind in Abständen von ca. 40 m immer wieder
Podeste, auf denen man frei stehen kann und die einen Totalabsturz verhindert
hätten. Außerdem ist die psychische Belastung nicht so hoch, wenn man nicht
ständig ganz hinunter sieht. Trotzdem waren alle Alpinisten auch von dieser Flachlandübung begeistert und wünschten sich, bei der nächsten derartigen Übung scharf an der Außenwand des Turmes zu üben.
Ein ausgesprochener Dank gilt der Höhenrettungsgruppe der Werksfeuerwehr,
die uns ihr Spezialwissen so kompetent und unkompliziert vermittelt hat. Wir
freuen uns daher auf ein Wiedersehen, wenn möglich nicht gerade bei einem
Echteinsatz.

Thomas Färbinger
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