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Schwierige Himalaya-Expedition erfolgreich abgeschlossen
Suche nach tödlich abgestürztem Bergfreund

Polizeibergführer Wulf Trotter zog es wieder auf das Dach der Welt. Bereits vor vier Jahren hatte er zusammen mit seinem Bergfreund Robert Rackl aus Mittenwald den 8013 Meter hohen Shisha Pangma bestiegen; Odeon informiert berichtete in der Ausgabe 6/2000. Mitte des Jahres reiste Trotter wieder nach Nepal ins Everestgebiet. Diesmal stand nicht das erhoffte Bergabenteuer im Vordergrund, sondern vielmehr die Suche nach seinem Freund Robert Rackl. Er war vor zwei Jahren beim Anstieg auf den 6856 Meter hohen Mount Ama Dablam tödlich verunglückt.

Zusammen mit fünf Bergführern und Extremkletterern aus Süddeutschland machte sich Wulf Trotter Anfang Oktober auf, nach seinem Freund zu suchen. Der Ama Dablam ist zwar kein Achttausender, stellt aber an Bergsteiger höchste klettertechnische Anforderungen in Fels und Eis. Die von ihnen gewählte Route über den Südwestgrad weist in den unteren Felspassagen Kletterstellen im Schwierigkeitsgrad 7 Minus auf. Im oberen Bereich sind senkrechte bis überhängende Eiswände anzutreffen. Trotter: „Es ist kein Berg für Gipfelsammler. Er ist für jeden Bergsteiger eine harte Nuss und eine ernsthafte Herausforderung.“

Die sechs Alpinisten hatten für ihr Unternehmen vier Wochen Zeit. Der 24. Oktober war ultimativ der letzte Termin für den Gipfelangriff. Zunächst errichtete das Team auf der Südseite des Berges in 4590 Meter Höhe das Basislager. In den folgenden Tagen baute das Sextett drei weitere Camps auf und verlegten die ersten Fixseile. Lager 1 befand sich auf 5800 Meter, Lager II auf 6100 Meter und Lager III 6300 Meter. Die kleinen Zelte klebten wie Schwalbennester am Berg. Die exponierteste Lage hatte Lager 3. Es befand sich auf einer Eiswulst direkt unter der Gipfelwand an einer überhängenden Eiswand. Trotter: „Kein Platz, an dem man sich länger aufhalten sollte. Aber es war halt die einzige waagrechte Stelle in diesem Abschnitt“.

Vom Basislager aus wurden Zelte, Seile und Gerätschaft, persönliche Ausrüstungsgegenstände, Verpflegung, Gaskartuschen, u. a. hinaufgeschafft und auf die Lager verteilt. Mehrere Touren waren dafür nötig. Eine kräftezehrende Angelegenheit in einer Region, in der die Luft immer dünner und das Blut schon dickflüssig wird. Trotter stieg jeweils bis ins Basislager ab. Die anderen errichteten für sich ein Zwischenlager, um die 1200 Meter Aufstiegshöhe bis zum Camp I zu verkürzen.

Zwischen den Arbeitstouren stiegen die Alpinisten immer wieder bis ins Basislager bzw. Zwischenlager ab um sich dort ein bis zwei Nächte zu erholen. Trotter und zwei seiner Begleiter fühlten sich gut und blieben deshalb im Lager 1, um mit der Verlegung der Fixseile im oberen Teil zu beginnen. Das Trio brauchte mehr als sieben Stunden, um dabei bis in die Nähe von Lager II vorzustoßen. Dabei hatten sie sich völlig verausgabt. Geplagt von der plötzlich auftretenden Höhenkrankheit, seilten sie sich über die senkrechte Wand ab und erreichten spät in der Nacht das Basislager. Urplötzlich wurden bei Trotter Erinnerungen an die Besteigung des Shisha Pangma wach, als er sich wegen eines Lungenödems in Lebensgefahr befand. Auch diesmal schien die Akklimatisierung nicht ganz geglückt zu sein. Waren alle Mühen umsonst? Trotter und seine Kameraden erholten sich aber schnell. Man ging deshalb daran, die restlichen Problemzonen zu versichern.

Insgesamt wurden 700 Meter neue Fixseile verlegt. Zum Einsatz kamen moderne Kernmantelseile. Andere Teams, vor allem Bergsteiger aus dem Ostblock, verwenden hingegen meist Polyprophylenseile, weil diese leichter sind. Dafür sind sie aber nicht uv-beständig, äußerst witterungsempfindlich und deshalb bruchanfällig. Trotter: „Ein dadurch bedingter Seilriss in 6000 Meter Höhen wurde meinem Freund Robert zum Verhängnis. Wir wollten dieses Risiko nicht eingehen und wechselten die Mehrzahl dieser „Russenstricks“, wie sie im Bergsteigerjargon heißen, aus.

Als die Route endlich stand, warteten die Alpinisten auf gutes Wetter, was sich lange nicht einstellen wollte. So vertrieb man sich die Zeit mit Kartenspielen. Trotter machte, wie er sagte, lieber den ganzen Tag Brotzeit. Die Kaminwurzen und der Bergkäs von daheim, ließen ihm die Anspannung leichter ertragen. Sie war aufgekommen, weil sich das gute Wetter nicht einstellen wollte und die Zeit für den Gipfelangriff immer knapper wurde.

Am 21. Oktober gab es plötzlich kein Halten mehr. Trotz unsicherer Wetterlage verließ das Sextett das Basislager, um ins Camp 1 aufzusteigen. In der folgenden Nacht klarte das Wetter auf und es präsentierte sich ein gigantischer Sternenhimmel, wie er in Europa nicht zu sehen ist. Gegen halb fünf verließen die Männer ihre Zelte und kletterten bei Mondenschein die schon vertraute Route bis zum Lager II. Ohne zu verweilen folgten sie einem messerscharfen Grat und erreichten am frühen Nachmittag das Lager III. Die folgende Nacht war bitter kalt. Das Thermometer fiel auf unter Minus 25 Grad. Jetzt rächte es sich, dass man aus Gewichtsgründen nur einen leichten Schlafsack mitgenommen hatte. Gegen Mitternacht hatte Trotter alle Kleidungsstücke übergezogen, die er dabei hatte. Er hockte zusammengekauert auf seinem Rucksack und rieb sich die Zehen, um keine Erfrierungen zu bekommen.

Gegen 7 Uhr kroch er mit steifen Gliedern und Gelenken aus dem Biwak. Keine Wolke war am Himmel zu sehen. Ein eisiger Wind blies ihm ins Gesicht, als er auf die Gipfelflanke zu stolperte. Seine Kameraden zögerten noch, sie wollten abwarten, bis es etwas wärmer ist. Trotter kam gut voran. Eigentlich wollte er auf seine Freunde warten, aber er trieb ihn weiter. Das Eis in der senkrechten Wand war phantastisch zu klettern. Er verspürte plötzlich eine unbändige Kraft in sich. Trotter: „Das passiert einem nicht oft“.

Kurz nach 9 Uhr stand der Garmischer Polizist auf dem Gipfel des Mount Ama Dablam. Die ersten Sonnenstrahlen spendeten etwas Wärme. Trotzdem zeigte das Thermometer noch über Minus 20 Grad an. Trotter war nicht allein. Eine slowenische Zweierseilschaft (ein Mann und eine Frau) hatte wenige Minuten vor ihm den Gipfel erreicht. So war auch das Gipfelfoto gesichert.

Vergessen waren jetzt die Strapazen der vergangenen Tage. Die Mühen wurden mit einer überwältigenden Fernsicht belohnt. Der Blick reichte vom Everest bis zum Lotse. Insgesamt sechs Achttausender lagen zum Greifen nahe. Eine weiße Arena, wie sie nur die Schöpfung hervorbringen kann, schwärmt Trotter noch heute. In diesen Augenblicken dachte Trotter an seinen abgestürzten Freund, mit dem er gerne dieses Glückgefühl geteilt hätte.

Das Gipfelglück währte nicht lange. Die Zeit zum Abstieg drängte. Gemeinsam seilten sich die Slowenen und Trotter ab. Gegen 18 Uhr kam er ausgepumpt im Basislager an. Seine Kameraden kamen erst spät in der Nacht zurück. Auch sie hatten alle den Gipfel erreicht.

Ein Abenteuer war zu Ende. Zufrieden kehrte Wulf Trotter aus dem Himalaya zurück. Er wusste nun, wie und wo sein Freund ums Leben kam. Trotter fand das gerissene Seil, die Kraft vom Basislager aus zum Grab aufzusteigen hatte er nicht mehr. Robert Rackl liegt in 5 500 Meter Höhe unter einem Steinhaufen begraben.

Zwei Tage nach seiner Ankunft in München hatte der Alltag den Polizeibergführer wieder eingeholt. Trotter wurde von Edelweis 7 zu einem tödlichen Bergunfall an der Notkarspitz in den Ammergauer Bergen geflogen. Der Dienst verdrängte nur kurz die traumhaften Bilder aus dem Himalaya.

Wolfgang Stengel

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